Fünf Jahre Stil in Berlin: Jan Joswig

Vor fünf Jahren traf man sich noch in der Kastanienallee. Bei einer der PR-Rattenfängereien, bei denen hippe Multiplikatoren dank Freisekt aus Pappbechern lernen, Überflüssiges als unentbehrlich, Schädliches als nützlich zu erachten, fuchtelten zwei Studenten halb wichtig, halb schüchtern mit einer Spiegelreflex-Kamera, die das Pompöseste an ihrem Auftreten war, vor den Gästen mit Agentur-Aura herum. Agentur-Aura, das war damals das Ungewöhnlichste, was man in Berlin finden konnte. Mary Scherpe und Benjamin Richter hielten Berlin für viel cooler als Helsinki und einen Antwortblog auf den finnischen Hel-looks.com für eine lokalpatriotische Dringlichkeit. Die Truckercap-Phase Anfang der 2000er hatten sie glücklich ausgesessen, um genau im Berliner Modeloch von 2006 einen Streetstyle-Blog zu starten. Kein Wunder, dass es ihnen niemand nachgemacht hat. Wenn man heute die Archivbilder durchclickt, sieht man viele Typen, aber keine Mode. Erst im Laufe von 2007 haben Fotografen und Fotografierte ein Gefühl für schlüssige Outfits und entsprechende Inszenierung vor der Kamera entwickelt. Ab dann rangierte Berlin auf internationalem Niveau. Zu der Zeit war Benjamin Richter schon ausgestiegen. Drei Jahre lang zogen sich Stilinberlin-Macherin Mary Scherpe, jetzt mit Hilfe von Dario Natale, und die Berliner Modemeute mit Gewinn gegenseitig aneinander hoch. Ab 2010 fing Mary Scherpe an, sich mit der Mode zu langweilen. Die Klamotte hatte ihre historische Phase, in der sie beredt über ihre Träger Auskunft gab, hinter sich. Die Phalanx aus Modeblogs und H&M hatte gesiegt – die Streetstyles waren tot. Jeder wusste dank der Blogs genau Bescheid und konnte dank H&M sein Wissen exakt umsetzen. Der charakterlosen Outfit-Perfektion begegnet Mary Scherpe, indem sie in der Rubrik „At home“ die größere Hülle fotografiert, die Wohnung. Damit ist Stilinberlin wieder am Zahn der Zeit in einer Stadt, die im hektischen Baugruppen-Fieber steckt.
Auf einen pedantischen Veröffentlichungs-Stundenplan oder eine stringente Auswahl der Personen, die sie immer öfter per Interview vorstellt (oder von Gastautoren vorstellen lässt), verzichtet sie großzügig. Mary Scherpe arbeitet längst professionell, gönnt sich aber alle Freiheiten, die das semi-journalistische Format Blog eröffnet. Zwischen persönlichen Vorlieben und dem Blick für das gesellschaftlich Relevante schreibt Stilinberlin eine Zeitgeist-Chronik im Zerrspiegel der Berliner Kreativrepublik. Hier wird gegessen, gewohnt, Theater gespielt, Kunst gemalt, gebacken … vom Streetstyle zum Lifestyle. So könnte der Blog, auf dessen erstem Foto ein „Bild“-Zeitungsaufsteller zu sehen ist, sich in seiner zweiten Halbdekade noch zum „Tempo“ der 2000er mausern.

Ein Happy Birthday Gast-Post von Jan Joswig

Comments

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  1. Mary on

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    Jan’s writing style is hard to translate… any volunteers?!

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